IF Theory Reader


Besprechung der Version 2 (April 2011)

Was lange währt, wird endlich gut – fast zehn Jahre nach den ersten Planungen ist der voluminöse IF Theory Reader nun schließlich erschienen. Die immerhin 432 Seiten des Readers enthalten in erster Linie Texte, die bereits seit mehreren Jahren im Internet kursieren; Ziel des Bandes ist es, diese Einzelbeiträge erstmals an einem Ort zu versammeln und damit leichter zugänglich zu machen. Die Liste der Autoren liest sich wie ein Who-is-who der englischsprachigen IF-Szene; so haben u. a. Nick Montfort, Andrew Plotkin, Graham Nelson, Emily Short, und Michael Gentry wesentliche Beiträge verfasst.

Angesichts der bisher doch recht überschaubaren Fachliteratur zum Thema Interactive Fiction ist jede Neuerscheinung auf diesem Gebiet natürlich höchst willkommen. Anders als der Titel vermuten lässt, ist der Ansatz des IF Theory Readers kein rein akademischer: Neben dem namensgebenden theoretischen Teil sind auch etliche Beiträge über das Handwerk des Schreibens enthalten, die jeweils unterschiedliche praktische Aspekte beleuchten. Da diese überaus lesenswerten Aufsätze sich vor allem mit inhaltlichen und weniger mit technischen Fragen auseinandersetzen, eignen sie sich für jeden IF-Autor, welchem Entwicklungssystem er sich auch persönlich verschrieben haben mag.

Eröffnet wird der Band von einem Text Roger S. G. Sorollas, der sich mit „Crimes against Mimesis“ befasst. Der Autor benennt hier eine Reihe von Faktoren, die den Simulationscharakter einer IF-Welt (zer-)stören können, wie z. B. Objekte am unpassenden Ort, Rätsel zum Selbstzweck oder unzureichend implementierte Personen. Nick Montfort und Andrew Plotkin widmen sich in ihren Beiträgen der Definition des Phänomens Interactive Fiction, wobei Lesern der Studie Twisty Little Passages viele Gedanken zumindest bekannt vorkommen dürften. Plotkins Definition der IF zeigt ein Grundproblem der theoretischen Betrachtungen dieses Bandes auf: Am Ende mehr oder weniger wissenschaftlicher Herleitungen stehen oft eher unspektakuläre Erkenntnisse; so ist laut Plotkin IF

„ein Spiel, welches über Texteingabe gesteuert wird, die bis zu einem gewissen Grad in ihrer natürlichsprachigen Bedeutung verstanden wird, und das eine simulierte Spielwelt bildet, welche sich bis zu einem gewissen Grad gemäß den Naturgesetzen verhält“.

Wer hätte das gedacht? Neben solchen eher grundsätzlichen Aufsätzen finden sich im Theorieteil des Readers auch speziellere Beiträge, beispielsweise zum Thema IF und Bewusstseinsstrom oder Dada-IF. Sehr empfehlenswert sind Graham Nelsons Gedanken über „Object Relations“. Was eher technisch klingt, erweist sich als gut lesbarer Essay über die (inhaltlichen) Funktionen, die Objekte übernehmen können; so sind sie manchmal Teil der Szenerie und erwecken bestimmte Emotionen, manchmal sind sie aber auch Objekte der Begierde, Mittel zum Zweck etc.

Duncan Stevens geht der Frage nach, ob IF auch als Argumentation verwendet werden könne, indem manche Handlungen als hinderlich, andere als zielführend dargestellt würden. Neil Yorke-Smith analysiert die Beliebtheit bestimmter IF-Genres und bietet Erklärungsansätze für seine Befunde. Michael Gentry, Autor des stilbildenden Anchorhead, widmet sich passenderweise dem Thema „Lovecraftian Horror in Interactive Fiction“. Wer selbst ein entsprechendes Spiel plant, wird Gentrys Ratschläge sehr hilfreich finden. Gareth Rees gewährt Einblicke in seine Werkstatt und beschreibt den Prozess des Spieldesigns, wobei er die Entstehung seines Spiels Christminster als Beispiel anführt. Der Theorieteil wird mit einem wissenschaftlichen Schwergewicht beschlossen: Graham Nelsons Ausführungen zu natürlicher Sprache und semantischer Analyse liefern den theoretischen Hintergrund zur Entwicklung von Inform 7, sind aber auch unabhängig davon sehr aufschlussreich.

Der zweite Teil des Bandes behandelt nach der Theorie nun das Handwerk. So zeigt Emily Short unterschiedliche Möglichkeiten auf, eine große Spielwelt räumlich in den Griff zu bekommen, während sich Paul O 'Brian generell mit dem Thema Landschaft auseinandersetzt und darlegt, worauf es bei Kartendesign und Raumbeschreibungen ankommt. Letztere sind das Hauptthema von J. Robinson-Wheelers Beitrag, der z. B. darstellt, wie man Raumbeschreibungen abwechslungsreicher und lebendiger gestalten kann. Damit befasst sich auch Stephen Granade, dessen Ausführungen sich allerdings nicht nur auf Räume beschränken. Jon Ingold gibt nützliche Hinweise zum Einsatz von Rätseln. Er benennt diverse Rätseltypen und nähert sich dem Thema dabei sowohl aus Spieler- als auch aus Autorenperspektive.

Ein große Herausforderung für Autoren ist die Implementierung von Personen. Duncan Stevens betrachtet zunächst den Spielercharakter und geht von der klassischen Frage aus, ob dieser stark charakterisiert und durchgestaltet oder eher anonym und neutral sein solle, was bekanntlich beides Vor- und Nachteile mit sich bringt. Robb Sherwin und Emily Short widmen sich unterschiedlichen Aspekten der Dialoggestaltung. Lesenswert ist vor allem der Beitrag von Short, die zunächst darlegt, welche Zwecke Konversation erfüllen kann, und dann Möglichkeiten der Implementierung unter die Lupe nimmt. Dies ist einer der wenigen Texte, in denen auf Spezifika unterschiedlicher Entwicklungsumgebungen eingegangen wird.

Lucian Smith bietet eine wahre Fundgrube an Ideen zur Entwicklung von Hilfesystemen, manche verblüffend einfach, andere kunstvoll, aber auch entsprechend aufwändig in der Umsetzung. Jason Dyer nimmt sich eines weiteren wichtigen Themas an: der permanenten Textwiederholung in IF-Werken und wie man diese möglichst elegant vermeiden kann.

Der dritte und letzte Teil des Readers bietet einzelne Beiträge zur Geschichte der IF. Duncan Stevens beleuchtet die Entwicklung von 1994 bis 2004, Stephen Granade beschreibt den Trend hin zu kürzeren Werken. Francesco Cordella wirft einen Blick auf die italienische IF-Historie, abschließend schildert Hugo Labrande die Entwicklungen in Frankreich. Die Geschichte der deutschsprachigen IF muss offenbar erst noch geschrieben werden.

Im Rahmen dieses groben Überblicks ist es unmöglich, detailliert auf alle enthaltenen Texte einzugehen und diese kritisch zu würdigen. Was bis hierhin aber bereits klar geworden sein dürfte: Wer selbst IF schreibt oder sich dafür interessiert, wie sie tickt, und halbwegs des Englischen mächtig ist, sollte unbedingt einen Blick in den IF Theory Reader werfen – es lohnt sich allemal.

(Frank Sindermann)


Kevin Jackson-Mead und J. Robinson Wheeler (Hrsg.): IF Theory Reader, Transcript on Press: Boston, MA, 2011

Der Reader kann über die Print-on-demand-Seite http://www.lulu.com kostenlos heruntergeladen werden; auf Wunsch kann man ihn dort aber auch als Taschenbuch kaufen.